Die beiden Wiener Hochquellenwasserleitungen – was sie noch bringen

 

Was sonst, als Wasser, sollen Wasserleitungen bringen? Dafür wurden sie doch gebaut! Wenn sich aber zwei Bauwerke quer durch drei Bundesländer in einer Länge von beinahe 300 km ziehen und sich wie ab und zu auftauchende Tatzelwürmer quer durch Wälder und Felder schlängeln, darf man neugierig werden. Ein Blick zurück wird zur spannenden Spurensuche. Der wahre Wert des Wiener Wassers liegt in seiner interdisziplinären Vielfalt – die Beweise folgen.

 

Egal ob man im Zuge einer Wanderung im Wienerwald oder in den Voralpen plötzlich vor einem der Einstiegsschächte steht, die wie Wächterhäuschen entlang der Trasse stehen, oder ob man sein Auto unter dem Aquädukt von Liesing parkt – die beiden Wiener Wasserleitungen haben Land und Leute verändert und geprägt. Natürlich stand und steht die Wasserversorgung der Donaumetropole im Vordergrund; aber es ist doch noch viel mehr dahinter. Jede Perspektive, aus der man die beiden Bauwerke betrachtet, bietet unzählige Ansatzpunkte, den Weg des Wassers neu und auf höchst persönliche Weise zu erleben – damals wie heute. Vieles, was bekannt und vertraut scheint, gab es auch schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts – sei es ein Bestechungsversuch, ein Spottlied oder regelmäßig wiederkehrende Festschriften zu runden Jubiläen.

 

Vorweg: Prolog im alten Wien
Wien, die Hauptstadt, die Kaiserstadt, egal welchen Beinamen man wählt, lag und liegt „An der schönen blauen Donau“ – das weiß alle Welt. Wasser ist, zumindest vordergründig kein Problem, würde man meinen. Manchmal aber schon, erstens, wenn es zuviel davon gibt oder, zweitens, wenn es nicht sauber ist. Die Zeiten der großen Überschwemmungen und Eisstöße hielten sich Gott sei Dank im mehr oder minder erträglichen Rahmen, aber die Wasserqualität war immer schon ein besonderes Thema. Sie wurde im 18. und 19. Jahrhundert immer mehr zum Problem. Hunderte Brunnen im Wiener Stadtgebiet bezogen ihr Wasser aus dem Schotterkörpern über dem Untergrund des Tegels. Und gerade diese Situation war der Grund für die Misere. Mangelnde oder überhaupt fehlende hygienische Vorschriften bei Müllentsorgung, Leichenbestattungen et cetera verunreinigten den Grundwasserkörper nachhaltig. Im Schotter mischten sich Grundwasser mit Abwässern, und die Brunnen lieferten alles, nur kein hygienisches Trinkwasser. So vergifteten sich die Wiener im Grunde mit ihrem eigenen Wasser, ohne das sie es wussten. "Wassermänner" und "Wasserweiber", die aus Fässern Wasser zum Verkauf anboten, prägten das Stadtbild. Weder die "Albertinische Wasserleitung" (1804), die von Hütteldorf nach Wien führte, noch die "Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung" (1841/46), die Wasser aus dem Bereich des heutigen Donaukanals lieferte, waren ein Garant für einwandfreies Trinkwasser. Typhus und Cholera waren die Folge. Zwischen 1851 und 1870 gab es 1,7 Promille Typhustodesfälle. 1880, sieben Jahre nach der Eröffnung der 1. Hochquellenleitung waren es nur mehr 0,21.

 


Aquädukt der 1. Wiener Hochquellenwasserleitung in Liesing

 

Endlich: Der Entschluss und seine Folgen
Ein Problem steht an. „Es muss etwas geschehen!“ Dieser spontane Hilfeschrei, meist an die Adresse von Politikern gerichtet, ist allen vertraut. Die Suche nach Entscheidungen gipfelt fast immer in der Bildung eines Ausschusses, eines Arbeitskreises oder einer „Commission“. So geschehen auch im Wien der 1860-er Jahre. So gründete man eben eine „Wasser-Versorgungs-Commission“, die „alle zum Zwecke der Wasserversorgung erforderlichen Erhebungen und Vorarbeiten mit Zuziehung von erprobten ausser dem Gemeinderathe stehenden Fachmännern einzuleiten“ hatte. Ähnlich wie bei einer Machbarkeitsstudie konnten die Experten dem „Gemeinderath“ lediglich Empfehlungen geben. Nachdem sich die „Commission“ im Herbst 1862 konstituiert hatte, wurde bereits im Mai 1864 ein 295 Seiten starker Bericht geliefert. Mit dabei war auch Eduard Sueß, der mit seinem 1862 erschienenen Buch „Der Boden der Stadt Wien“ seine fachliche Kompetenz als Geologe unter Beweis gestellt hatte.
Das Ergebnis der Studie ließ zwei Optionen zur Wasserversorgung offen: Entweder die Fischer-Dagnitz-Quellen im Steinfeld oder den Kaiserbrunn bei Hirschwang. Erstere lagen zwar näher, bargen aber die Gefahr der Verschmutzung durch landwirtschaftliche Düngung mit sich und hätten die Anlage aufwendiger Pumpwerke erfordert. Die zweite Möglichkeit lieferte eindeutig bessere Qualität, lag über 100 km weit weg, aber in ausreichender Höhenlage, so dass das Wasser „mit grossem Gefälle nach Wien in ein hochliegendes Reservoir“ gebracht werden konnte. Daraufhin machte sich der Gemeinderat auf und besuchte das Gebiet von Kaiserbrunn und die Stixensteinquelle. Entschieden wurde in einer sechsstündigen Sitzung am 12. Juli 1864. Der Antrag wurde mit 94 pro und 2 Gegenstimmen angenommen. Die definitive Schlussabstimmung fand zwei Jahre später statt; diesmal gab es 65 pro und 45 Gegenstimmen. Mittlerweile äußerten Zweifler vielfältigste Bedenken. Ein Chemiker befürchtete, das Wasser könnte sich auf dem Weg nach Wien durch Reibung zu sehr erwärmen. Andere meinten, dass es durch das steirische Wasser auch in Wien zu Kropfbildungen kommen könnte. Und der Bezirksvorsteher Karl Ley pochte auf seine gute gesundheitliche Konstitution: „Wir Alten haben nur die Donau gehabt, und was sind wir für Kerle geworden...!“ Schlussendlich wurde Eduard Sueß mit 64.000 Gulden bestochen, die Berichterstattung über das Hochquellenprojekt unter irgendeinem Vorwand zurückzuziehen. Doch er nahm kein Geld und behielt seine weiße Weste.


Die Stixensteinquelle (Stahlstich aus: Felix Karrer, 1877)

 

Lob und Tadel: Wiener Lied und Polka
Gibt es heute Kabarettisten, die aktuelle politische Situationen für die breite Bevölkerung zur Reflexion aufbereiten, manifestierten sich Highlights und Missstände vergangener Jahrhunderte vielfach in der einen oder anderen Form des Wiener Liedes. So wurden etwa der Bahnbau, die Gasbeleuchtung und die hohen Kosten des Wasserleitungsbaus bald vielbesungene Themen. Ein Beispiel überlieferte Rudolf Wolkan in seiner Sammlung „Wiener Volkslieder aus fünf Jahrhunderten“:

 

Die Wasserleitung is im Bau begriffen schon zwei Jahr',
es hat zwar viele Tausend g'kost't, das ist wohl wirklich wahr,
doch ist das Ding a gute Sach,
daß mir a Wasser krieg'n,
was reinlich zu genießen is,
drum müss'n wir was riskir'n.
Doch hat `s dabei auch Uebelständ',
es war'n die Rohr zu schwach,
wir hab'n a Wasserleitung g'habt von elfe bis z' Mittag.

 

Neben Spott und Hohn gab es auch Lob und Ehrehrbietung. Einer aus der Familie der „Sträuße“, der k.k. Hofballmusik-Director Eduard Strauß - dritter Sohn von Johann Strauß Vater und Bruder von Johann Strauß Sohn, widmete sein Opus 114 „Dem k.k. Professor und Reichsrathabgeordnetem Herrn Eduard Sueß“ es war „Die Hochquelle“, eine Polka Mazur für Pianoforte. So geschehen am 20. April 1911 – damals gab es bereits zwei Hochquellenwasserleitungen, und der Maestro hatte also doppelten Grund zur Hommage an den Professor. Einen Monat später stellte sich auch der Kaiser höchstpersönlich mit einem handschriftlichen Dankschreiben aus Gödöllö, datiert mit 18. Mai, bei Sueß ein. Majestät schrieb: „Für die Reichshauptstadt Wien haben Sie mit der ersten Hochquellen-Wasserleitung ein Werk geschaffen, das ihre Bewohner jeden Tag als Wohltat empfinden und welches über die Grenzen des Reiches hinaus so vielfache Nachahmung gefunden hat.“

 

Ehrenhaft: Sueß, Felder und Lueger
Auszeichnungen und Würdigungen kommen oft spät, um nicht zu sagen zu spät, sprich posthum. Der Kaiser hatte noch Glück gehabt, drei Jahre später, am 26. April 1914 verstarb Eduard Sueß. Doch der „Vater der 1. Wiener Hochquellenwasserleitung“ erhielt auch sehr frühe Ehrungen, was – zumindest in Österreich – eher als Ausnahme anmutet. Genau eine Woche vor der feierlichen Eröffnung des Jahrhundertbauwerks reagiert der Wiener Gemeinderat: „In voller Würdigung und in dankbarer Anerkennung dieser der Gemeinde Wien unter schwierigsten Verhältnissen geleisteten ausgezeichneten Dienste hat der Gemeinderath in seiner Sitzung am 17. October 1873 einstimmig den Beschluß gefasst, dem Herrn Eduard Sueß das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wien zu verleihen und dessen Namen in das goldne Buch der Ehrenbürger Wien´s eintragen zu lassen. Urkund dessen ist dieses Diplom ausgefertigt, unterschrieben und mit unserem Siegel versehen worden.“ Besagtes Goldenes Buch der Stadt Wien war 1801 angelegt worden. Der Eintrag darin war, zumindest im 19. Jahrhundert, fast ausschließlich Adeligen vorbehalten, lediglich Franz Grillparzer bildete eine der wenigen Ausnahmen. 1878 erhielt Dr. Cajetan Felder, der seit 1868 Bürgermeister war, ebenfalls das Ehrenbürgerrecht. Auch Bürgermeister Dr. Karl Lueger, der sich um die „2. Wiener Hochquellenwasserleitung“ verdient gemacht hatte, bekam jene rare Auszeichnung. Interessantes Detail abseits des Wassers: Als man am 18. Oktober 1953 den Grundstein zur Wiener Stadthalle legte, mauerte man 13 Tontafeln mit ein, auf denen die Namen aller bisher ernannten Ehrenbürger verewigt waren, mit dabei war folgender Text: "Durch Beispiel in Leben und Werk, in Wissenschaft und Kunst, in helfender Fürsorge und sportlicher Leistung, im Aufbau unserer staatlichen Gemeinschaft, ruhend auf der gesamten Bevölkerung Wiens und der Kraft ihrer Arbeit, gesichert durch die Verfassung ihrer Stadt, haben diese Männer und Frauen den Anspruch auf Dank und dauernde Erinnerung erworben."

 

1873: Jubeljahr mit Hindernissen
Vor 130 Jahren war in Wien, wenn nicht auf der ganzen Welt, die Eröffnung der 5. Weltausstellung am 1. Mai der unbestrittene Höhepunkt. Mit diesem Großereignis hatte man schon seit der 1. Weltausstellung 1851 in London geliebäugelt. Man scheute weder Kosten noch Mühe, um alles bisher da Gewesene zu überbieten. Was trotz der rund 7,3 Millionen Besucher am Ende der Schau am 31. Oktober blieb, waren nicht weniger als 19 Millionen Gulden Schulden. Wenige Tage nach der Eröffnung, am 9. Mai, kommt es, nicht zuletzt durch den eher enttäuschenden Beginn der Wiener Weltausstellung, zum Börsenkrach. Er sollte als „Schwarzer Freitag“ in die Geschichte eingehen; und das Unheil hält an: Wenig später bricht eine der größten Choleraepidemien aus. Zwischen Juli und Ende Oktober sterben alleine in Wien 2.983 Menschen. Hätten es damals schon das Wasser der 1. Wiener Hochquellenwasserleitung gegeben, wäre es wohl nie zu der Epidemie in dem Maße gekommen. Doch der historische Moment lässt noch auf sich warten. Vorher, am 18. Juli, beschloss der Gemeinderat, den 10. Bezirk Favoriten, benannt nach dem kaiserlichen Jagdschloss „Favorita“, dem heutigen Theresianum, im 4. [sic!] Bezirk zu gründen.


Der Gelehrte Eduard Sueß

 

Am 24. Oktober war es dann soweit. Der Kaiser war anwesend und Bürgermeister Cajetan Felder eröffnete am Schwarzenbergplatz die langersehnte „Kaiser Franz Josefs Hochquellen-Wasserleitung“. Eduard Sueß war es vorbehalten, das Zeichen zum Öffnen der Schieber zu geben – doch es tat sich nichts; auch nicht beim zweiten Versuch. Nach bangen Minuten des Wartens klappte es: das Wasser spritzte aus dem Steigrohr 40, oder gar 50 Meter in den strahlenden Sonnentag in die Höhe. Der Tag war gerettet, die Wasserleitung funktionierte, der Hochstrahlbrunnen war eingeweiht und die Wiener hatten ihr Hochquellenwasser. Schon 1888 waren über 90 Prozent der bewohnten Häuser von Wien an die neue Leitung angeschlossen. Die Folge waren die Bassenas und der legendäre Tratsch. Mittlerweile sind die gusseisernen Bassenas begehrte Sammlerstücke geworden. Der Tratsch ist geblieben, tägliche Belanglosigkeiten tauscht man heute via Handy aus.
Besagter Hochstrahlbrunnen ist mehr, als sein Name nahe legen würde. Nicht eine, sondern schier unzählbare Wasserdüsen spritzen, sprudeln und plätschern vor sich hin und gehorchen einer tieferen Symbolik: 365 kleine Springbrunnen am Beckenrand stehen für die Zahl der Tage im Jahreskreis. Eine Insel mit sechs rundum gruppierten Springbrunnen symbolisiert die Wochentage mit dem Sonntag. Zwölf hohe Strahlen versinnbildlichen die Monate und 24 niedrigere die Stunden. 30 Strahlen auf der Mittelinsel stellen die Monatstage dar. Und daneben steht die Büste von Eduard Sueß und schaut zu.

 

Touristisch: Trinkwasserenergie und Wasserleitungswanderweg
Was das Wiener Hochquellenwasser abseits der Hauptstadt bewirken mag, zeigen – pars pro toto –der Ort Gaming und das Höllental. Gaming, bekannt für die Kartause, wirbt auf seiner Homepage unter der Rubrik „Sightseeing“ mit dem „Trinkwasser-Kraftwerk Gaming“. Der Untertitel „Wasserkraft ist Energie“ erklärt einiges: so findet man in der Pockau bei Gaming „eines der wenigen Trinkwasserkraftwerke des Landes. Dabei wird das Wasser der 2. Wiener Hochquellenwasserleitung verwendet, bevor es wieder seine kilometerlange Reise durch Leitungen und Aquädukte nach Wien fortsetzt.“ Besuche sind möglich, nur sollten sie vorher angemeldet werden. Ausflüge und Wiener Wasser lassen sich ebenso verbinden wie Ankerbrot und Hochquell-Wasser; doch dazu später.
Wer es immer schon wissen wollte, des Wiener Bürgermeisters Lieblingswanderroute geht vom Höllental zwischen Rax und Schneeberg aus und folgt dem Lauf des Wassers. Sprach Michael Häupl und wünscht allen Weitwanderern für die Zweitagestour „viel Spaß und Freude“. Ob und wie oft der promovierte Biologe den „1. Wiener Wasserleitungswanderweg“ tatsächlich schon gegangen ist, kann man der Infobroschüre nicht entnehmen. Doch darum geht es auch gar nicht. Hauptsache man erreicht den Anschlussbus in Payerbach Reichenau.
Zurück zum Ankerbrot, das zu Wien gehört wie die Mannerschnitten in den Wanderrucksack. Aus dem Jahr 1932 stammt übrigens jener mittlerweile zum Klassiker gewordene Plakatspruch: „Worauf freut sich der Wiener, wenn er vom Urlaub kommt? Auf Hochquell Wasser und Ankerbrot!“ Vor einigen Jahren wartete die Firma mit Brotsorten wie dem „G´würzbauer“ auf. Mittlerweile besannen sich findige Marketingleute wieder auf den alten Slogan und seither ist das Wasser der „1. Wiener Hochquellenwasserleitung“ wieder ein Thema mit Variationen für das Roggenmischbrot mit 80 % Roggen- und 20 % Weizenmehl aus reinem Natursauerteig mit dunkler Kruste. Das Resultat der Überlegungen waren der „Kaiserbrunner Dunkel“, das „Kaiserbrunner Bauernbrot“, die „Kaiserbrunner Sonne“ und – als Klassiker – der „Kaiserbrunner G´würzbauer“.
Dazu mundet nicht nur Käse, sondern auch ein Schluck Wein. Klassischerweise sollte das ein Gumpoldskirchner sein. Nicht nur, weil hier die Trasse der 1. Wiener Hochquellenwasserleitung knapp westlich des Ortes verläuft, sondern weil Gumpoldskirchner Kaiserwein auch beim Festbankett anlässlich der Eröffnung der 2. Wiener Hochquellenwasserleitung am 3. Dezember 1910 im Wiener Rathaus serviert wurde.

 

Aufgelesen: dokumentiert, verewigt und geschützt
Festschriften und Monographien müssen einfach sein. Die Nachwelt soll es wissen und dicke Bücher ehren auch Autoren, Herausgeber und Verleger, daran hat sich heute nichts geändert. Zwei Druckwerke sollen herausgegriffen werden: das erste Werk seiner Art und ein gerade noch druckfrisches Buch.


Felix Karrers Dokumentation der 1. Wiener Hochquellenwasserleitung (1877)

 

Zunächst zu Felix Karrer, Venezianer des Jahrgangs 1825. Er titelt Band IX der Abhandlungen der k.k. geologischen Reichsanstalt, kurz „Geologie der Kaiser Franz Josefs Hochquellen-Wasserleitung“. „In allertiefster Ehrfurcht“ widmet er das 420 dicke Opus Magnum dem „Durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Kronprinzen Rudolf“ und nennt das Werk schlichtweg „Eine Studie“. Mit höflichem Understatement erklärt er die Entstehung des Werkes, das in Umfang und Akribie mindest einer Habilitation gerecht würde: „Lose Studien, flüchtige Skizzen, wie sie es anfangs werden sollten, haben sich gleichsam von selbst zu einem Bilde sich zusammengethan, welches weit über die Grenzen dessen hinausging, was eigentlich beabsichtigt gewesen.“ Bescheiden schließt er die Einleitung: „Wohl hätte ich am liebsten am Tage der Eröffnung des Hochstrahlbrunnens dieses Buch in die Hände aller Freunde gelegt, es wäre mir ein freudevoller Moment gewesen – aber die Wissenschaft darf nicht mit Gefühlen rechten [?]; langsam reift die Frucht, möge sie eine wohlwollende Aufnahme finden. Wien 11. März 1877 Felix Karrer“.


Stahlstich mit Pecten (Vola) Felderi KARRER (Aus: Felix Karrer, 1877)

 

Naturgemäß ist der Geologie breitester Raum gewidmet. Aber auch die darin vorhandenen Fossilien werden wissenschaftlich bearbeitet; eine neue Art aus der Gruppe der Pilgermuscheln – Pecten (Vola) Felderi KARRER – bekommt den Namen des „so hochverdienten Bürgermeisters der Stadt Wien, Herrn Dr. Cajetan Felder“. Auch unter den einzelligen Mikrofossilien, deren Bearbeitung damals noch in den Kinderschuhen steckte, finden sich Anknüpfungspunkte an die Wasserleitung. Spiroloculina Berchtoldsdorfensis KARRER wurde nach einem Fundort bei Perchtoldsdorf benannt. Der zweite Stollen bei Mödling enthält wiederum den Winzling Frondicularia medelingensis KARRER. Aber auch Baden und Brunn gehen in die wissenschaftliche Literatur in Form von Fossilnamen ein. Archäologischen Funde aus dem „Ende der sogenannten Bronce-Periode oder das erste Eisenalter“, die der Boden bei Leobersdorf frei gab, wurden mit gleicher Genauigkeit beschrieben und farbig abgebildet.
Natürlich wurde auch der Bau der 2. Hochquellenleitung, wenngleich nicht so aufwendig, dokumentiert, er liefert wiederum Fossilien, darunter die Reste eines mehr als 200 Millionen Jahre alten Krokodils, das der damaligen Wissenschaft neu war und man Francosuchus trauthi nannte.
Das jüngste Opus der Wasserleitungsbücher titelt schlichtweg „Wiener Wasser“ und besticht durch großformatige Ästhetik. Zwei der besten Fotografen des Landes, Lois Lammerhuber und Georg Riha, lassen keine Perspektive aus, um die Vielfalt des Wassers von den Quellen bis nach Wien zu zeigen. Manchmal tut ein anderer Blickwinkel gut, denn üblicherweise sieht man die Kläfferquelle, das Plateau des Hochschwabs oder die riesigen Aquädukte nur aus der Froschperspektive. Georg Riha bringt die Vogelperspektive ins Bild. So mag man den Architekten Manfred Wehdorn besser verstehen, der über die 745m lange Querung der 1. Wiener Hochquellenwasserleitung bei Liesing schreibt: „Es ist eines jener Bauwerke, die landschaftsgestaltend den Verlauf der Trassenführung bestimmen. – Das Objekt steht ex lege unter Denkmalschutz.“
Offen bleibt nur mehr die Frage, wieso nicht beide Wasserleitungen zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Mit der Semmeringbahn könnten sie alleweil noch mithalten, funktionstüchtig sind sie auch. Aber vielleicht will man warten, bis endlich der verbindende Stollen zwischen der ersten und zweiten Wasserleitung gegraben wird. Immerhin hat man sich mit dem Pfannbauernstollen und dem Schneealpenstollen der 1. Hochquellenwasserleitung schon recht nahe nach Westen zu den Brunngrabenquellen der 2. Hochquellenwasserleitung vorgearbeitet. Der Kreis des Wiener Wasser ist nahe daran, sich zu schließen.

 

 

Literatur

Tillfried Cernajsek, Peter Csendes, Christoph Mentschl & Johannes Seidl: „...hat durch bedeutende Leistungen ... das Wohl der Gemeinde mächtig gefördert.“ (Edurad Sueß und die Entwicklung Wiens zur modernen Großstadt. – Veröff. Wr. Stadt- u. Landesarchiv, Reihe B., H. 57, Wien, 1999
Alfred Drennig: Die 1. Wiener Hochquellenwasserleitung (Festschrift) – Jugend & Volk, Wien, München, 1973
Traugott E. Gattinger: Geologie und Baugeschichte des Schneealpenstollens der 1. Wiener Hochquellenwasserleitung. – Abhandl. Geol. B.-A., Bd. 30, Wien, 1973
Günther Hamann [Hg.]: Eduard Sueß zum Gedenken. – Sitzungsber. Österr. Akadem. Wiss., phil. hist. Kl., Bd. 422, Wien, 1983
Felix Karrer: Geologie der Kaiser Franz Josefs Hochquellen-Wasserleitung. – Abhandl. k.k. geol. R.-A., Bd. IX, Wien, 1877
Nüchtern [Red.]: Die Zweite Kaiser Franz Josefs Hochquellenleitung der Stadt Wien – eine Gedenkschrift zum 2. Dezember 1910. – Gerlich & Wiedling, Wien, 1910
Österr. Geol. Gesellschaft [Hg.]: Eduard Sueß – Forscher und Politiker (Im Gedenken zum 150. Geburtstag).- Wien, 1981
Christian Seiler, Lois Lammerhuber und Georg Riha: Wiener Wasser. – Bohmann, Wien, 2003
Eduard Sueß: Erinnerungen. – Verlag Hirzel, Leipzig, 1916
Friedrich Trauth: Geologie des Kalkalpenbereiches der Zweiten Wiener Hochquellenwasserleitung. – Abhandl. Geol. B.-A., Bd. XXVI / H. 1, Wien, 1948
Wasser-Versorgungs-Commission: Bericht über die Erhebungen der Wasser-Versorgungs-Commission des Gemeinderathes der Stadt Wien. – Selbstverlag des Gemeinderathes, Wien, 1864

 

Thomas Hofmann

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