| Nach GPS-Messungen nähern sich
die Indische und die Eurasische Platten (Sibirische Platte) mit Beträgen
zwischen 40 und 50 Millimter pro Jahr an. Von diesem Betrag werden 20±3 Millimeter pro Jahr
im Himalayabogen „konsumiert“. Dabei absorbiert eine rund
50 Kilometer breite Kompressionszone am südlichen Rand des Tibetplateaus
rund 80% des anfallenden Staus. Hier kommt es auch lokal zu vertikalen
Bewegungen und zum häufigen Auftreten von kleineren Erdbeben. Die
restlichen 20% nimmt der umgebende Himalaya auf.
Im Gegensatz dazu bewegen sich Kontrollpunkte in Südindien und dem
südlichsten Nepal nur wenige Millimeter Jahr zueinander. Wie das
Beben von Bhuj 2001 aber zeigte, können auch diese Bewegungen verheerende
Folgen haben.
Im Himalaya äußert sich die potenzielle Bewegungsrate fast
ausschließlich als elastischer strain (Druck), der sich über
Jahrhunderte akkumulieren und in kürzester Zeit freigesetzt werden
kann. Nach Analyse von Flussterrassen kam es in den letzten 10.000 Jahren
zu einen Annäherung von 21±3 Millimter pro Jahr zwischen Indien und dem
Himalaya. Die Differenz gegenüber den GPS-Daten deutet darauf hin,
dass eine kleine Portion des strains (rund 10%) unelastischer Natur ist,
der permanent das Gestein deformiert.
Diese Erkenntnisse legen den Schluss nahe, dass die Konvergenz
zwischen Indien und Tibet in der Größenordnung von 2 Meter pro Jahrhundert
größtenteils durch Erdbeben „kompensiert“ wird.
Warten auf das Beben
Nach den in den oben genannten Quellen publizierten wissenschaftlichen
Erkenntnissen deuten viele Anzeichen darauf hin, dass im Himalaya ein
oder mehrere Erdbeben mit katastrophalen Folgen längst überfällig
sind und „kurz“ bevorstehen.
Die bisherigen Erdbeben haben an der Oberfläche kaum geologische
Spuren hinterlassen. Paläoseismische Daten, die über geologische
Störungszonen im Himalaya erarbeitet wurden, könnten daher ein
falsches Bild über das zeitliche Intervall von größeren
Bebenereignissen geben. Auch fehlen genaue trigonometrische Nachmessungen
an Punkten, die vor den Beben von 1905, 1934 und 1950 installiert wurden.
Nach dem seismischen Moment der Beben von 1934 (Bihar) und 1950 (Assam)
kann aber auf Versetzungsbeträge (slip) von etwa 4 beziehungsweise 8 Meter geschlossen
werden.
Die Gefahrenzone
Nach den letzten großen Beben hat sich im Himalaya ein Mindest-Slip-Potenzial
akkumuliert, das in 10 künstlich unterteilten und rund 220 Kilometer breiten
Segmenten unterschiedliche Beträge aufweist. Aufgrund der nordgerichteten
Bewegung Indiens von rund 20 Millimeter pro Jahr entlang des 2500 Kilometer langen Bogens
des Himalaya haben 6 Regionen ein Versetzungs(slip)-Potenzial von mindestens
4 Meter, das damit dem Bihar-Beben von 1934 entspricht. Jede dieser Regionen
speichert somit den Druck (strain), der ausreicht, um ein Erdbeben mit
der Magnitude 8 auszulösen. Die Wiederholung des Assam-Bebens mit
derselben Magnitude hätte heute in dichter besiedelten Regionen des
Himalayas verheerende Folgen.

Karte des Gefahrenzonen-Potenzials entlang der
2500 Kilometer breiten Indisch-Asiatischen Kollisionszone.
Bevölkerungszentren und größere Städte sind eingetragen,
ebenso Epizentren vergangener Starkbeben und Schüttergebieten. Rote
Abschnitte an den im 220 Kilometer Abstand verteilten Säulen zeigen potenzielle
Versetzungsbeträge (slip) zwischen 1 und 10 Meter, die seit den letzten
aufgezeichneten Starkbeben beziehungsweise seit 1800 akkumulierten. Der rosa Teil
zeigt mögliches zusätzliches Slip ohne Berücksichtigung
historischer Daten. Starkbeben hat es gegeben in Kaschmir (Mitte 16.
Jahrhundert.) und in Nepal (13. Jahrhundert). Insert: Vereinfachtes Himalaya-Querprofil
zeigt den Übergang zwischen dem flachen fest verbundenen („locked“)
Teil der Gleitfläche, an der Starkbeben auftreten und dem tieferen
Teil ohne Beben, entlang der Indien unter Südtibet geschoben wird.
Dazwischen kommt es zu vertikalen Bewegungen, horizontalem Zusammenschub
und Mikrobeben (aus R. BILHAM et al. in Science, volume 293, Seite 1443, 2001).
Quellen: Science volume 298 (2002), volume 293 (2001),volume 294 (2001), volume 298 (2002)
Text: Hans P. SCHÖNLAUB, Direktor, Geologische Bundesanstalt
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